Grandios: Ganz Baustetten ist Musik Bei Sonnenschein ziehen fast 100 Kapellen und Spielmannszüge durch den Ort
Von Roland Ray
BAUSTETTEN - "Es gibt Tage", sagt Dr. Heiko Schmid, "da weiß ich genau, warum ich gern Landrat im Kreis Biberach bin." Gestern ist so ein Tag: blauer Himmel mit wuchtigen weißen Wolken, Sonne satt - und auf dem Fußballrasen in Baustetten spielen schätzungsweise 4000 Musiker den Marsch "In Harmonie vereint". Der "Gesamtchor" bietet ein grandioses Bild, einen Höhepunkt des Kreismusikfests 2011.
Für Heiko Schmid ist noch eine Steigerung drin. Er streift sich die weißen Handschuhe über, die bei den voraufgegangenen Stücken der Verbandsdirigent Bernd Biffar und Musikdirektor Hans Ruf getragen, und dirigiert verzückt den Biberacher Kreismarsch. Der Landrat dankt den Musikvereinen, "die mit so viel Spaß und Stolz das Brauchtum pflegen", und verspricht: "Nachher lassen wir's krachen im Zelt."
Bunte Welt des Wohlklangs
Der regionalen Hymne folgt die nationale, dann bricht sich Jubel Bahn und sputen sich die Musiker, Aufstellung zu nehmen für den Festumzug. Pünktlich um 13.30 Uhr setzt er sich in Bewegung. 131 Gruppen, darunter fast 100 Musikkapellen, Spielmanns- und Fanfarenzüge, reihen sich aneinander, zwei Stunden dürfen die Zuschauer eintauchen in die Welt der Blasmusik. Es ist eine bunte, fröhliche Welt des Wohlklangs.
Wie haben sie sich herausgeputzt! Uniformen picobello, Schuhe blitzblank, Tuba und Trompete mit Rosen geschmückt, so durchmessen die Musikanten im Gleichschritt den Ort. Kaum ist ein Marsch verklungen, wird schon der nächste angestimmt.
Ganz Baustetten macht mit
Von der Ehrentribüne aus kommentieren der Vorsitzende des gastgebenden Musikvereins "Harmonie", Anton Hettich, und Ortsvorsteher Dietmar Kögel sachkundig den Umzug. "Fast ganz Baustetten ist heute auf den Beinen", sagt Kögel - kaum eine Familie, die keinen Helfer im Zelt oder bei der Festorganisation stellt und keinem der ihren im Umzug zuwinkt.
Das Auge freut sich an einer Fülle von Details. Beim Fanfarenzug "Pflugraicher" aus Uttenweiler wehen Federn an den Hüten. Der Musikverein Mittelbiberach wird von der Schützengarde mit Flinten eskortiert, die Bernlocher Musikanten drehen sich während des Marschierens schneckenförmig ein und aus.
"Wasser marsch" - das tut gut
Noch mehr Lokalkolorit bekommt der Umzug durch drei Dutzend Festwagen und Fußgruppen. Als Ritter und Burgfräulein, Maler und Weltraumfahrer sind die Kindergartenkinder kostümiert. Die Grundschüler werben als putzmuntere Tierschar für ihr Musical "Emil der kleine Elch", das sie zusammen mit dem Kinder- und Jugendchor des "Liederkranz" Baustetten beim Kulturabend zum Heimatfest aufführen. Die Feuerwehr rollt einen Hydrantenwagen von 1934 durch die Straßen, die Oldtimerfreunde Baltringen lassen Bulldogs tuckern.
Erntewagen führen Most und frisches Gemüse mit, beides wird an die Zuschauer verteilt; andere Mottowagen bringen Leberkäs und Back- waren unters Volk. Die Baustetter Vereine und Buden präsentieren sich, und als die Fußballjugend Was- serpistolen ins Publikum richtet, da sind viele richtiggehend froh über die kleine Abkühlung.
Es ist schwülwarm in Baustetten. Noch heißer geht's nach dem Umzug im Festzelt her: Die Musikanten und ihr Anhang feiern, singen, klatschen und wollen gar nicht mehr von den Bänken steigen. Als die Fahnenabordnungen einmarschieren, schwillt der Beifall zum Orkan. Gesamtchor die zweite, Fortsetzung bis in die Nacht.
Präzise: Musiker marschieren spielend Seit zwei Jahren gibt es beim Kreismusikfest ein weiteres Wertungsspiel
Von Roland Ray
BAUSTETTEN - Dirigent Herbert Pfister hebt den Taktstock: Achtung, jetzt gilt's! Die 35 Musikerinnen und Musiker der Trachtenkapelle Bernloch setzen sich in Bewegung. In Fünferreihen ziehen sie durch die Neidhardtstraße; unversehens wird eine Dreier-, dann eine Zweier-, dann wieder eine Fünferformation daraus.
Die 90-Grad-Kurve in die Laupheimer Straße verlangt den Musikern auf der Außenbahn Raum greifende Schritte ab, die Kollegen ganz innen treten fast auf der Stelle. Das funktioniert wie ein gut geöltes Räderwerk, und das klingende Spiel der Bernlocher - Erwin Trojans Ruetz- Marsch - gesellt zur Augenweide
den Ohrenschmaus. Beifall brandet auf.
Präzise marschierend musizieren: Das will geübt sein. Eine nützliche Übung, findet der Landesmusikdirektor Franz Barthold aus Biberach. Dieses Rüstzeug brauchten die Kapellen schließlich bei jedem Umzug, "und wenn es schön aussieht, ist es für die Zuschauer umso schöner".
Vier Kapellen präsentieren sich
Seit zwei Jahren gibt es beim Kreismusikfest deshalb auch ein "Wertungsspiel für Marschmusik in Bewegung". Vier Vereine haben sich am Sonntag in Baustetten einer vierköpfigen Jury des Blasmusikverbands Baden-Württemberg präsentiert. Es dürften in Zukunft gern noch mehr Teilnehmer werden, hofft Franz Barthold. Die Qualität der Bewegung macht 60 Prozent der Endnote aus, die Musik zählt 40 Prozent.
Die Bernlocher treten in der Kategorie 4 an, der anspruchsvollsten. Hier wird auch ein Show-Element verlangt. Auf ein Zeichen ihres Dirigenten marschieren die Musiker spielend im Kreis, drehen ein und wieder aus. Dann stehen sie wie an einer Perlenschnur gereiht am Straßenrand, wenden sich dem Publikum zu, verbeugen sich in rascher Folge einer nach dem anderen.
Und aus! Die Anspannung löst sich, die Wertungsrichter lächeln. Sie verleihen dem Musikverein Bernloch das Prädikat "hervorragend".
Höhepunkte: Die Musik regiert Beim Festumzug und im Festzelt in Baustetten schlagen die Wogen der Begeisterung hoch
Genial: Der Rock'n'Roll lebt Die Spider Murphy Gang begeistert junge und alte Fans beim Kreismusikfest im voll besetzten Zelt
Von Reiner Schick
BAUSTETTEN - "I ziag meine Rock 'n' Roll-Schuah net aus", lautet das Motto der 34 Jahre alten Spider Murphy Gang, das die rund 2500 Musikfans aller Altersschichten am Samstagabend in Baustetten gleich im doppelten Sinn schätzen lernten. Zum einen hätte ein bajuwarischer Fußschweißgeruch manchen Besucher angesichts der ohnehin stickigen Festzeltluft womöglich in den K.o. geschickt, vor allem aber lieferten die bayerischen Altrocker während ihrer zweistündigen Vollgas- Session die beglückende Erkenntnis: Elvis ist zwar tot, aber der Rock'n' Roll lebt!
Und wie! "Das ist Musik in seiner ursprünglichen und reinsten Form - einfach genial", schwärmt ein Zuhörer mittleren Alters, ein anderer drückt sich knapper aus: "Geil - wie früher!" Dennoch dauert es - trotz Hits wie "Mir san a bayerische Band" oder eben jenen "Rock'n'Roll- Schuah" zum Start - eine gewisse Zeit, bis das Publikum richtig auf Touren kommt. Vielleicht liegt's an den schon erwähnten Temperaturen, die den von der Spider Murphy Gang verehrten "Sommer in der Stadt" bei gefühlten 40 Grad Celsius zum "Sommer im Festzelt" verwandeln. Bald aber wandert der "Frosch im
Hals" ein paar Etagen tiefer und löst die letzten "Schwammerl in de Knia" der Besucher. Ja und dann? Wird fast jede freie Fläche zum Dancefloor, und selbst auf Bänken im hinteren Teil des Zeltes gibt es kein Halten mehr. "Ich habe eine Vision: Ganz Baustetten tanzt Twist", verkündet Leadsänger, Songwriter und Bassist Günther Sigl, und wer weiß, vielleicht verführt die laut ins Dorf dringende Musik manchen Baustetter zum Hüftschwung im Wohnzimmer.
Erinnerungen werden wach
Manchen Besucher im Zelt entführen die Lieder auf jeden Fall in vergangene Zeiten. "Pfüati Gott, Elisabeth" weckt Erinnerungen an Verflossene, die wiederum bei "Herzschmerzen" etwas Wehmut empfinden dürften. "Zwoa Zigaretten" rufen alte Schulholfbilder ins Gedächtnis. Dass Gitarrist Barny auf der Bühne bisweilen einen Glimmstengel griffbereit am Gitarrenhals stecken hat, ist wohl mehr Show denn Sucht.
Apropos Show: Zum musikalischen Höhepunkt des Abends gerät das Stück "Schickeria", bei dem Günther Sigl (Gesang, Bass), Barny Murphy (Gesang, Gitarre), Willie Duncan (Gesang, Gitarre), Ludwig Seuss (Keyboard), Otto Staniloi (Saxophon) und Paul Dax (Schlagzeug) rund 20 Minuten lang mit etlichen Soli ihre genialen instrumentalen Fertigkeiten förmlich zelebrieren. Über Ohrwürmer wie "Ich schau dich an" und "Wo bist du" steuert die Gang schließlich auf den Megahit schlechthin zu: Beim "Skandal im Sperrbezirk" tönt der Text aus gut 2000 Kehlen, so dass es in diesem Fall gar nicht weiter stört, dass Sänger Günter Sigl wegen der mäßigen Akustik im Zelt mitunter schwer zu verstehen ist.
Nach dieser Hommage an Rosi, die vor 30 Jahren den Münchner Nutten den Rang abgelaufen haben soll, verlassen die jung gebliebenen Oldies die Bühne, um kurz darauf zu einer halbstündigen Zugabenshow zurückzukehren. Mit "So ein schöner Tag" singt die Spider Murphy Gang ihren Zuhörern aus der Seele. Und dem Versprechen, jetzt jedes Jahr nach Baustetten kommen zu wollen, schließt sich sinnigerweise der Song "Rock'n'Roll Rendezvous" an.
Wiedersehen mit Rosi
Apropos Rendezvous: Der Schreiber dieser Zeilen traf beim Konzert doch tatsächlich auf seinen Schulschwarm Rosi, die ihm einst den Spider-Murphy-Spottgesang seiner Klassenkameraden bescherte. Natürlich führte das zufällige Wiedersehen in die Bar. Was dort geschah? Nein, kein Skandal!